Tailored Reality – wenn die Realität nicht mehr im Kopf entsteht

RELATIVITY OF REALITY

RELATIVITY OF REALITY

Man stelle sich vor, es gibt Kontaktlinsen, die wie Bildschirme funktionieren. Man stelle sich ausßerdem vor, alles ist mit allem in einer großen Cloud vernetzt. Viel mehr braucht es nicht, um ein Zukunftsszenario zu entwerfen, dass auf der einen Seite interessante Gedankenexperimente hervorruft (”…wenn das so wäre, dann…”), auf der anderen Seite ein Stirnrunzeln: Tailored Reality.

Was soll Tailored Reality sein? Ich habe es kurzerhand mal so definiert:

Tailored Reality ist der Begriff für die Formung einer rein subjektiven Realität eines Menschen durch technologische Produkte und Services wie z.B. Cloud Computing.

Klar, über die Art und Weise wie Realität entsteht, entstehen kann oder theoretisch entstehen müsste, ist schon viel geschrieben worden. Darauf möchte mich mich auch gar nicht einlassen.

Ein kleines Beispiel soll lediglich veranschaulichen, wie technologischer Fortschritt, unsere Wahrnehmung beeinflussen kann und dementsprechend auch die Konstruktion der subjektiven Realität eines jeden Menschen.

Stellt euch vor, ihr geht durch die Straßen von Berlin und begegnet plötzlich einem Freund. Natürlich war das keine Überrasschung, denn die linke obere Fläche eures Sehfeldes hatte euch schon von 30 Minuten angezeigt, dass dieser Freund in der Nähe ist. Die Wahrscheinlichkeit ihn zu treffen, wenn ihr euren Weg fortsetzen würdet, lag bei 68%. Sofort kommt ihr auf das Thema “Autos”, da Du ebenfalls weißt, dass der Ort, von dem er gerade kommt, eine Autowerkstatt war und dass sein letzter Post auf Facebook lautete “Scheiß Karre springt nicht an. Nie wieder ein eigenes Auto.” Diese Information läuft am unteren Bildrand wie eine Tickermeldung durch.

Euer Gesprächsthema wir von einem Sensor aufgenommen und weiter an einen Server in den USA gesendet. Dort nutzt ein Werbeunternehmen die Daten, um passgenaue Werbung auf digitalen Plakatwänden zu schalten. Zufällig steht ihr gerade vor einem solchen Plakat, auf dem schon seit einigen Sekunden eine Werbung für Carsharing läuft. Ihr selbst bemerkt diese Werbung jedoch gar nicht, da euer engeres Netzwerk weiß, dass das Thema Carsharing oder Auto für euch keine Relevanz besitzt. Deshalb bemerkt Ihr auf der selben Werbefläche eine Anzeige mit dem Titel “Nur noch 50 Konzertkarten für X”.

Der Freund bemerkt eure Ablenkung, da ihr zugelassen habt, dass er eure Vitaldaten anzapfen kann. Mit einer minimalen Bewegung seiner Augen schaltet er sich in euer Sichtfeld ein. Auch das habt ihr zugelassen. Jetzt siehr er die Welt aus euren Augen. Andere Plakate, Konzerte statt Carsharing, eine andere Grundeinstellung des Wetters (bei ihm nieselt es, während bei euch die Sonne scheint), und ein aufblinken von 40 ungelesenen Meldungen, auf die er aber nicht zugreifen kann, da hierfür die Rechte fehlen.

Dabei wird deutlich, dass die zunehemde Individualisierung der Wahrnehung unterschiedliche Realitäten erzeugt und endlose Parallelwelten enstehen lässt. Die Frage wird sein: Wie weit lässt sich eine Zersplitterung einer “einheitlichen”, durch die menschlichen Sinne geprägten und begrenzten Realität ertragen? Wann tritt ein Break-even ein? Und wird dieser Wendepunkt dann eine Grenze darstellen oder lediglich einen Meilenstein in der “gesellschaftlichen Evolution” markieren?

Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Concept_Art_RELATIVITY_OF_REALITY.jpg

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3 comments ↓

#1 André on 12.20.11 at 10:44

perfekt auf den punkt…. we are all cyber punks, gibson hat das schon 1987 vorweg genommen… http://de.wikipedia.org/wiki/Neuromancer

#2 Reinhardt on 12.20.11 at 15:07

Klar. Die Frage ist: Wie ist diese Entwicklung zu bewerten? Ist das “gut” oder “schlecht”? Sollte man sich bewußt gegen solche Technologien entscheiden oder macht das keinen Sinn? Wie Technokratisch sollte “der Mensch” sein?

#3 Werbung via Gesichtserkennung – Plan International als Pionier | Social Media Expert on 02.22.12 at 22:07

[...] “tailored reality“ nicht nur vom Verbraucher aus gesteuert werden kann, sondern auch von Unternehmen, zeigt [...]

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